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Lesetipp Romane (II)

31. Mai 2009 von learningrosegarden

Was lesen, wenn man alle Kinder- und Jugendbücher gelesen hat? Man jenseits der Welten von Harry Potter, wilder Hühner, Illuminati und geliebter Vampire Erfahrungen sammeln möchte?

20 wundersame Geschichten (II)

alphabetisch nach Autoren geordnet,

bei denen man en passant fundierte Geschichtskenntnisse erwerben,

Antworten auf Fragen finden

und die Schönheit der deutschen Sprache erleben kann.


·  Charles Lewinsky: Melnitz (2006)

Hat Charles Lewinski, bevor oder während er seinen Roman schrieb, ein Wörterbuch der in Vergessenheit geratenen Wörter geführt, um dann ein Feuerwerk der deutschen Sprache zu entzünden, um (laut Klappentext)  „eine jüdische Familienchronik vor dem Hintergrund der Schweizer Geschichte in den Jahren 1871 bis 1945“ zu schreiben? Näheres zu sagen erübrigt sich, außer dass der zeitliche Rahmen der Chronik das Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Schweiz impliziert und die Frage nach der Zugehörigkeit: „So kam es, dass Pinchas Pomeranz an einem christlichen Grab den Kaddisch sprach…für einen Juden,…den man zum Christen gemacht hatte und zum Schweizer, und dem das alles nichts genützt hatte.“ Wem der Roman zu lang ist, pralle 765 Seiten in der dtv-Ausgabe, dem seien besonders Kapitel 32 und 33 ans Herz gelegt: ein Paradebeispiel sophistischen Argumentierens zu eigennützigen Zwecken mit unheilvollen Folgen. “Es wurde eine Katastrophe.“

·    Erich Loest: Nikolaikirche (1995)

„Der Raum hatte die Form eines Rugbyballs.“ Besagte Nikolaikirche in Leipzig war Treffpunkt der Gemeinde und der Dissidenten, die den Fall der Berliner Mauer am 09.Oktober 1989 maßgeblich beeinflusst haben. Der Roman von Erich Loest ist kein literarisches Kunstwerk, aber eine sachlich interessant dargestellte Geschichte um einen Polizeigeneral, dessen Tochter Mitglied der SED und dessen Sohn Stasi-Offizier war. Die Geschichte beginnt im März 1985 und beschreibt die allmählichen Auflösungsprozesse in der Familie und in der Gesellschaft und darüberhinaus die unvermeidliche Kontinuität einstmals herrschender Denk- und Deutungsmuster. „Der General überlegte, mit wem er jetzt zusammen sein wollte. Mit einigen, die tot waren, mit dem alten Bacher zum Beispiel. Vielleicht mit Honecker, den die anderen nun verrieten. Im Hinausgehen hätte er gern die Faust zum alten Rot-Front-Gruß erhoben. Aber es wäre lächerlich gewesen einem neuem Mann wie Schnuck gegenüber.“

·   Thomas Mann: Der Zauberberg (1924)

Thomas Mann gilt immer noch als der größte deutschsprachige Erzähler des 20. Jahrhunderts, was aus Sicht junger Leser nicht unbedingt eine Leseempfehlung bedeuten muss. Zumal es Familiengeschichten wie die Buddenbrooks, mit denen Thomas Mann als junger Schriftsteller zu Ruhm und Ansehen gelangte, heutzutage reichlich in Soap-Format gibt. Der Zauberberg ist jedoch einzigartig und überraschend modern: Ein junger, gelangweilter Mann flüchtet sich in Krankheit und zieht sich sieben Jahre lang in die gesellige Einsamkeit eines Luftkurortes in der Schweiz zurück, um sich selbst zu entkommen. Wer die zeitkritischen, für ungeübte Leser zum Teil doch sehr langatmigen Dialoge der Kurgäste über Kunst, Philosophie, Politik, Liebe und logischerweise Krankheit und Tod gelegentlich überlesen möchte, wird sich dem wunderbaren Kapitel in der zweiten Hälfte, in dem sich der Held im Schneegestöber verirrt, nicht entziehen können.

·    Sten Nadolny : Die Entdeckung der Langsamkeit (1983)

„John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur.“ Der Roman ist nicht nur ein Buch für männliche Leser, wie einer meiner Schüler behauptete. Auch weiblichen Lesern kann es nicht schaden, das historische und literarische Leben von John Franklin bis zum Tod im Eismeer mitzuverfolgen und dabei zu lernen, was die Nordwest-Passage ist und wie man aus einer Behinderung einen kostbaren, einzigartigen Schatz macht. „Wenn ich erzähle, Sir, brauche ich meinen eigenen Rhythmus“, sagt Franklin in einem Bewerbungsgespräch. Gleiches gilt auch für den Leser; er kann gar nicht anders, als sich beim Lesen dem Zeitlupentempo der Hauptperson anzupassen und dessen Schnur bzw. Taktung zu folgen und Segen und Fluch der Langsamkeit zu entdecken.

·   Helga M. Novak: Die Eisheiligen (1979)

„Das Wasser ist resedagrün und mit Schaum gesprenkelt. Ich stehe neben Kaltesophie und betrachte ein Schiff.“ Warum dieser Roman (wie auch das Gesamtwerk) dieser Autorin immer wieder vergriffen ist, bleibt ein Rätsel. Der Text ist autobiografisch gefärbt, beschreibt eine Kindheit und Jugend im Krieg und in der Nachkriegszeit in der DDR, ist auch die Geschichte einer Adoption  und dank der kreativen sprachlichen Gestaltung eine erfrischende Herausforderung, wenngleich das Leben der Ich-Erzählerin mit Kaltesophie keineswegs den z. Z. modischen Vorstellungen vom Leben eines Adoptionskindes  (z. B. bei Madonna oder  Katie Holmes) entspricht und die Flucht der Sechzehnjährigen im Internat endet: „Auf der Mauer waren Glasscherben einzementiert.“

·   Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues (1929)

„Wir liegen neun Kilometer hinter der Front.“ Erstaunlich, wie lesbar der Weltbestseller aus dem Jahr 1929 heute noch ist. Der Roman beschreibt glaubhaft und ergreifend die anfängliche Begeisterung einer Schülergruppe für den Einsatz in der Armee an der Westfront im Ersten Weltkrieg und die allmähliche Ernüchterung und Klarsicht durch die Konfrontation mit der Vernichtungsmaschinerie und der Grausamkeit des Krieges. „Wären wir 1916 heimgekommen, wir hätten aus dem Schmerz und der Stärke unserer Erlebnisse eine Sturm entfesselt. Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können.“

·    Herbert Rosendorfer: Briefe in die chinesische Vergangenheit (1983)

„Die Zukunft ist ein Abgrund.“ So beginnt der erste Brief des chinesischen Mandarins aus dem 10. Jahrhundert, den es mittels einer Zeitmaschine in das Ba-yan der achtziger Jahre verschlägt. Der Briefroman ist witzig geschrieben, die Lust des Autors (von Hause aus Jurist) am Spiel mit Sprache ist unverkennbar. Es überrascht nicht wenig, dass es kaum wirklich witzig-geistreiche Romanliteratur im letzten Jahrhundert gegeben hat. Dass die Geschichte gegen Ende etwas erlahmt, sei daher dem Verfasser verziehen. Da der Erzähler nicht am Wert seiner Erkenntnisse für die Großnasen zweifelt, sind auch wir`s zufrieden. (Taschenbuch, 368 Seiten) Wer den ersten Band mag, mag auch die Die große Umwandlung. Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit (1997).

·   Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes (1930)

„Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer.“ Joseph Roth schrieb die abenteuerliche Geschichte des jüdischen Rabbi und seiner Familie, die am Ende des 19. Jahrhunderts das ostgalizische Stetl verlassen und nach Amerika auswandern, in Anlehnung an die gleichnamige biblische Geschichte. Wer mehr wissen will über das Leben der Einwanderer in New York und was es heißt, eine Heimat gegen eine andere einzutauschen, wird überrascht sein über die Aktualität der Geschichte angesichts weltweit millionenfacher Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Der Roman beginnt nicht nur mit einem der schönsten in deutscher Sprache geschriebenen Sätze, der Roman endet auch mit einem solchem: „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ Klein, aber fein. (192 Taschenbuch-Seiten)

·   Patrick Süskind: Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders (1985)

Der Plot ist reißerisch, der zweite Teil ein Highlight für Germanisten, der Schluss bemüht artifiziell. Jedoch – der olfaktorische Genuss beim Lesen – man lernt in der Tat einiges über die Herstellung und Wirkung von Parfüms – ist unerreicht und der filmische Einstieg in die Geschichte des Wunderkindes, das zum Mörder wird, mitreißend: „Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.“ (319 Seiten im Taschenbuch)

·    Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends (1979)

Etwas mehr als hundert Seiten umfasst die kleine Geschichte über die fiktive Begegnung von Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, zwei Autoren des frühen 19. Jahrhunderts. Die vorangestellten Zitate „Ich trage ein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen“ (Kleist) und “Deswegen kommt es mir aber vor, als sähe ich mich im Sarg liegen und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an“ (Günderrode) sind sozusagen eine Leseanleitung, sich auf das Spiel der Autorin mit den Perspektiven und historischen Grundlagen einzulassen. Die Geschichte kommt historisch daher, ist gleichwohl als Standortbestimmung des Schreibens in der DDR zu verstehen. „Es steht uns nicht frei“.

20 wundersame Geschichten (I)

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    Dr. Kordula Rose-Werle Specialist in Gifted Education (ECHA) - Fachleiterin für Berufspraxis am Staatlichen Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien Trier - Unterrichtstätigkeit am Auguste-Viktoria-Gymnasium Trier

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