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Lehren und Lernen mit Portfolio

12. Juni 2009 von learningrosegarden


Die Omnipräsens und Offenheit des Begriffes “Portfolio“  in der Pädagogik mag irritieren, hat jedoch ihre Berechtigung. Das Medium – Leistungsmappe -- bietet sich in vielfacher Hinsicht an:

Begabungsförderung:

Veränderte Kindheit, Heterogenität, Generation Internet, Langeweile im Unterricht --  Lernen mit Portfolio erhöht die Gelingensbedingungen für selbstständiges Lernen, intelligentes Üben und gerechtere Leistungsmessung und -beurteilung.

Lernerautonomie:

Der Lernende übernimmt die Verantwortung für sein Lernen. Lernen wird individualisiert. Erkenntnisinteresse und Erfolgsintelligenz (Selbstregulation) bestimmen den Lernprozess.

Vertrauen:

Die Lehrperson versteht sich in erster Linie als Lernbegleitung und Ermutigung. Wenn Kinder ihre Lust am Lernen weiterentwickeln sollen, brauchen sie befähigte Lehrer, die aber nicht immer alles besser wissen und besser können.

 Wertschätzung:

Lernen wird prozessorientiert verstanden, als Entwicklung, als Dokumentation und Förderung individueller Stärken.

Metakognition:

Reflexion, Bewertung, Kontrolle und Selbststeuerung des Arbeits- und Lernprozesses werden systematisch ausgebildet.

Zumutung:

Die Übernahme der Verantwortung für das eigene Lernen baut Versagensängste ab, ermöglicht individuelle Zugänge („Betroffenheit“), schafft Sicherheit (Motivation) und eröffnet Entwicklungsperspektiven.

 Selbstwirksamkeit:

Selbstgesteuertes Lernen impliziert Üben. Lernen ohne Üben ist lernpsychologisch betrachtet nicht möglich. Üben kann nur individualisiert erfolgreich sein. Der Erfolg einer Prüfung ist bis zu 40 % das Ergebnis der angewandten Übungsmuster und Lernstrategien.

Diagnostik:

Leistungsmessung und Leistungsbeurteilung werden an transparenten Lernzielen und Kriterien ausgerichtet, im Idealfall gemeinsam erarbeitet und vereinbart. Lernfortschritte, und seien sie noch so klein, werden wahrgenommen (summative und normative Bewertungsmuster).

Kooperation:

Lernen mit Portfolio führt zwangsläufig zum kooperativen Lernen (Selbstbeobachtung Fremdbeobachtung), im Idealfall fächer- und altersübergreifend, mit inner- und außerschulischen Lernpartnern, Lernpaten, Teams. Lern- und leistungsbezogene Modelle prägen zwangsläufig.

 Kreativität:

Portfoliogestützte Lernformen öffnen Räume für Binnendifferenzierung, Expertise, Kreativität. Im Unterricht mit Hochbegabten sind sie durchgängig zwingend als Antidot gegen Langeweile, als Strukturierungshilfe in der Fülle der Möglichkeiten und als Übungsfelder divergenten Denkens.

 Literatur- und Sprachunterricht:

Lesen, Schreiben, Sprechen und Zuhören werden den Lernenden umfassend überantwortet. Nicht in didaktisch-aufbereiteten Häppchen, sondern über den Wissenstransfer hinaus als zwingende Auseinandersetzung mit den Aussagen und Anmutungen fiktionaler Welten und Problemlösungsmodelle. Die Kreation eigener Fantasiewelten und das Experimentieren mit Denkmodellen ermöglicht ein hohes Maß an Selbstbestimmtheit und den Umgang mit Gefühlsmelangen (Meta-Emotion), im Idealfall Sinngebung.

Ermöglichungsdidaktik:

Für die Lehrperson heißt Lernen mit Portfolio in der Vorbereitung lehrunabhängige Formen des Lernens zu strukturieren und (Selbst)Lernmaterialien bereitzustellen, die differenzierte Wege des Zugangs und der Aneignung zulassen. Ermöglichungsdidaktik heißt auch, Unterricht als (sehr wohl anstrengende) Entwicklungsarbeit zu begreifen, die auf fachliche, kognitive und soziale Ziele ausgerichtet ist.

 Organisation des Lernprozesses:

Lernsituationen (Räume, Horizonte) und Aufgaben (Arrangements) müssen so offen und herausfordernd gestaltet sein, dass die Lösung (Erkenntnis) nicht geraten werden kann, das „Abschreiben“ der Lösung erschwert ist, die Lösung oder Ausschließung falscher Antworten nicht suggeriert wird, sich Fehler beim Lösen einer Teilaufgabe nicht auf andere Teile auswirken, die Aufgaben nicht als nicht leistbar oder gar hinterhältig empfunden werden (was zunächst geschehen kann), die Lösung (für alle) nachvollziehbar und fachlich adäquat ist, „es auf den Einzelnen ankommt“. Im Idealfall komponiert der Lernende seine Lernpläne und Lernwege eigenständig.

 Lernbiografische Prägung:

Die Umstellung vom Vermitteln zum Darstellen, vom reproduktiven zum konstruktivistischen Lernen, kann Unsicherheit und Angst auslösen, weil die traditionelle Überwachung und Kontrolle durch den Lehrer an den Lernenden übertragen wird.

Entlastung:

Im Gegensatz zum vermittelnden Lehren führt Lehren und Lernen mit Portfolio im Schulalltag zur Entlastung (z. B. von Erwartungsunsicherheiten), zur Eröffnung von Freiräumen für Beobachtung und Gespräch und wirkt letztendlich konfliktprophylaktisch.

Glücksmomente:

Warum nicht? Wer selbstbestimmt, selbstständig entscheiden und Ziele verfolgen kann, wer selbstwirksam handeln und Herausforderungen bewältigen kann, erlebt Gefühle des Könnens und sich Bewährens. Dies gilt für Lehrende und Lernende.

Lerntagebuchgestütztes Portfolio

“Kreatives Schreiben”

AVG 2006

Das Portfolio wurde in Kooperation mit der Universität Trier entwickelt.

Lernen mit Portfolio ist eine besondere Form des selbstständigen Lernens. Dass selbstständiges Lernen auch bei schwachen Schülern und in der Mathematik funktioniert, zeigen die neuesten Untersuchungen von Kristina Reiss.

Literaturtipps:

Autonomes Lernen

Arnold R. u. Arnold-Haecky B.: Der Eid des Sisyphos. Eine Einführung in die Systemische Pädagogik. Baltmannsweiler 2009.

Brunner, I. u.a.: Das Handbuch Portfolioarbeit: Konzepte, Anregungen, Erfahrungen aus Schule und Lehrerbildung. Seelze-Velber 2006.

Easley S. u. Mitchell K.: Arbeiten mit Portfolio. Schüler fordern, fördern und fair beurteilen. Mühlheim 2004.

Glücksmomente. Was das Leben gelingen lässt. Psychologie heute compact 17/2007.

Institut Beatenberg Schweiz

Kranen M.: Zeig, was du kannst! Die Portfolio-Methode im Unterricht. SWR 2 Wissen  28.11.09.

Kooperatives Lernen

Mythen über das Lernen

Neubauer A. u. Stern. E.: Lernen macht intelligent. Warum Begabung gefördert werden muss. München 2007.

Portfolio Schule

Wahl D. : Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Bad Heilbrunn 2005.

Werden Lehrer überflüssig?

Wiedenhorn T.: Das Portfolio-Konzept in der Sekundarstufe. Individualisiertes Lernen organisieren. Mülheim a.d. Ruhr 2006.

_________________

Anja Gerlach hat die Zeichnungen Der Anfang und Das Ende für ihr Portfolio zum Proseminar Unterricht: Von der Themenstellung bis zur Auswertung (Universität Trier WS 2006/07) angefertigt.

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