In The Outliers: The Story Of Success beschreibt der amerikanische Journalist Malcolm Gladwell auf eingängige und unterhaltsame Weise, dass Exzellenz Zeit, Mühe, Geduld und förderliche Strukturen braucht.
Die deutsche Übersetzung des Werkes - Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind — und manche nicht – ist zum Teil irreführend. Gladwell beschreibt nicht den “Überflieger”, den nach landläufiger Vorstellung (meist ironisch zu verstehenden) besonders begabten, andere „überfliegenden“ (=„übertreffenden“) Menschen (Hochbegabung, Wunderkind). Sein Interesse gilt vielmehr dem – auch statistisch zu verstehenden – “Ausreißer”, “Sonderfall”:
“Outliers are those who have been given opportunities – and who had the strength and presence of mind to seize them.”
Seiner Darstellung nach waren die Beatles oder Bill Gates nicht erfolgreich, weil sie “so genial”/”so intelligent” waren. Vielmehr konnten sie sich komplexen Aufgaben widmen, weil die Lernbedingungen so förderlich waren, dass sie selbstbestimmt, intensiv und ausdauernd experimentieren und üben konnten und der direkte Zusammenhang zwischen Anstrengung (Motivation) und Erfolg (Anerkennung) sie beflügelte.
Für Leser, die wissen, dass der erfolgreichste Schachspieler aller Zeiten “lediglich” einen IQ von 122 hatte, sind Malcolm Gladwells Darlegungen zum Matthäus-Effekt – “Wer hat, dem wird gegeben” - (Kap. 1) und die 10 000-Stunden-Übungsregel (Kap. 2) keine Überraschung, aber interessant geschriebene Auswertungen diverser Studien und verblüffender Details. Der in den letzten Jahren verstärkt zu beobachtende Fokus auf den Intelligenzqotienten (IQ) als Garant für Exzellenz macht einem umfassenderen und differenzierteren Verständnis von IQ, Kreativität, Exzellenz, Leistung, soziokultureller Bedingtheit und Übungswille Platz. Im Klartext gesprochen heißt das: Wer zur rechten Zeit am rechten Ort die ihm angemessenen Lernbedingungen und Fördermaßnahmen vorfindet, keine Mühen scheut und Fleiß und Ausdauer mitbringt, hat die große Chance, ein Überflieger zu werden:
“The outlier, in the end, is not an outlier at all.”
Gladwells Bewertung von Exzellenz-Leistungen basiert unter anderem auf der Theorie der Multiplen Intelligenzen von Howard Gardner und der Theorie der Erfolgsintelligenz von Robert Sternberg. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen will, lese auch Lernen macht intelligent von A. Neubauer und E. Stern, die das Thema aus kognitionspsychologischer und neurobiologischer Sicht betrachten und deren Schlussfolgerungen für das Lernen in der Schule in der Forderung nach einer Aufgabenkultur münden, die den unterschiedlichen Intelligenzen Rechnung trägt und Erfolg als machbar versteht.
Skeptikern lege ich die Langzeit-Studien zu Hochbegabung von Lewis Terman und von D. H. Rost ans Herz. In seinen Interviews zum Thema Hochbegabung und Förderung spricht sich Rost gegen die zur Zeit statthabende Hochbegabtenförderungshysterie aus und plädiert für mehr Wissenschaftlichkeit und Selbstverständlichkeit in der Begabungsdiagnostik und für bessere schulische Förderung:
“Intelligenz hängt deutlich von Umweltanregungen ab. Das kann man daran sehen, dass der Schulbesuch die Intelligenz fördert.”
Empirisch untermauert wird diese Forderung auch durch die Ergebnisse der umfangreichen Studien von H. Schick und S.N. Phillipson an bundesweit 1512 hochbegabten 9.Klässlern über den Zusammenhang von Intelligenz, Motivation und schulischem Erfolg. (Learning motivation and performance excellence in adolescents with high intellectual potential in: High Abiltity Studies. The Journal of the European Council for High Abiltity, 20/1 2009, 15-37). Wissenschaftler des University College London haben bemerkenswerte IQ-Abweichungen in der Pubertät nachweisen können.
Implizit und explizit gefordert wird damit auch ein verändertes Selbstverständnis der Lehrerrolle: Wenn ein Weniger an Begabung durch ein Mehr an Lernen kompensiert werden kann, brauchen Schüler Übungs- und Bewährungsräume und Türöffner, um mit dem Cartoon zu sprechen.
Lehrer können Türöffner für Ausreißer sein, unter der Voraussetzung, dass sie ihren Schülerinnen und Schülern, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint, nicht keine Entwicklung unterstellen, sondern pädagogisch günstig voreingenommen sind und vorschnelle Selektion vermeiden.
Erwiesenermaßen können die ausgeprägte Neugierde, schnelle Auffassungsgabe und Wechsellust bei drohender Langeweile und die häufig divergenten, nicht standardisierten Lernwege und Lösungsmuster hochbegabter Schülerinnen und Schüler durchaus zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen führen und Potentiale verdecken.
Aktueller “Ausreißer”: Susan Boyle
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Der Cartoon wurde mir freundlicherweise von Prof. Dr. W. Deutsch, TU Braunschweig, zur Verfügung gestellt. Der Verfasser ist uns unbekannt; der Titel “Ausreißer” scheint mir, in Anlehnung an den Vortrag von Prof. Dr. Deutsch auf dem 3. Münsteraner Bildungskongress 2009 und nach der Lektüre von “The Outliers”, zutreffend.
