Ein Streiflicht zum Jahresanfang für Eva B.
Die Radio-Sendung Gesund und gleichzeitig krank – Ein Plädoyer gegen den Fitness- und Wellnesswahn - lief bereits im Jahr 2004 und hat damals „einen Nerv getroffen.“
Lag es am satirischen Einstieg, wonach man nur gesund ist, weil man nicht ausreichend untersucht wurde, aber immerhin nach 50 medizinisch-technischen Untersuchungen mindestens einen pathologischen sein Eigen nennen kann?
Lag es an der rheinländisch-humorigen Färbung der Darstellung, die Arztvisiten als sakrale Zelebrierung einer Gesundheitsreligion ad Absurdum führt und mit Binsenweisheiten wie „Aber wer gesund stirbt, ist definitiv tot“ oder „Der Spaß eines Menschen, Leben für einige Jahre zu retten, ist nur Spaß. Der Ernst ist selig Sterben“ (S. Kierkegaard) die Lacher auf seiner Seite hat?
Oder lag es nicht vielmehr an der unvermeidlichen Verunglimpfung des Lehrerberufs – womit sich das Posten dieses Artikels erklärt. Bei der Gesundheitsreligion handelt es sich nach Meinung des Verfassers Manfred Lütz um einen „volkspädagogischen Ansatz. Man möchte die Deutschen zwingen, gesund zu sein. Ich halte ohnehin die Deutschen für ein Volk von Lehrern, durch unterschiedliche Berufe nur verkleidet.“
Das wollen wir dann doch nicht hinterfragt lassen. Wo der Zeitgeist weht und die Intelligenz schwärmt, darf professionelle Skepsis nicht fehlen. Wir wüssten gar zu gerne, was denn unter „Volkspädagogik“ zu verstehen ist. Ist damit Pädagogik fürs Volk oder Volk für Pädagogik gemeint? Oder nachdenklich Vorgetragenes über Gott und die Welt wie z. B. in Rudolf Steiners Vorträge über Volkspädagogik (1919), die aber auch nicht wirklich zur Begriffsklärung beitragen? So sagt man das doch heute.
Zwar wimmelt es in der Medienwelt von Schlagzeilen wie „Schluss mit der Volkspädagogik von oben und von rechts und links“ und Wikipedia verweist uns auf „Violinpädagogik“ [sic!]; das scheint uns dann doch zu abwegig. Fehlanzeige auch in Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm und Duden/Wahrig online.
Man könnte fast annehmen, dass das Phänomen „Volkspädagogik“ ähnlich wahnhaft zu verstehen ist wie der von Lütz kritisierte Fitness- und Wellnesswahn. Was die von ihm monierte berufliche Verkleidung der Lehrer dann wohl mit des märchenhaften Kaisers neue Kleider verbindet.
Sicher ist, dass der Begriff Pädagogik im 18. Jahrhundert auftauchte und „zum Inbegriff von idealer Geistes- und Menschenbildung überhaupt “ geworden ist, im Detail nachzulesen in „Historisches Wörterbuch der Philosophie“, Bd. 7. Und ist nicht bekanntermaßen seit der Aufklärung das Volk der Souverän? So aufgeklärt und mündig, dass die echten Lehrer ganz ohne Verkleidung daher kommen können?
Wie dem auch sei. Jetzt bleibt uns nur noch der Trostspruch des Heidelberger Arztes und Philosophen Heinrich Schipperges aus der Sendung zur zitieren: „Um gesund zu sein, muss man der Welt im Ganzen zustimmen.“ Und im volkspädagogischen Sinne mit Harald Walach Weg mit den Pillen zu rufen und mit beruflicher Sorgfalt die Lehrerschelte berufeneren Denkern zu überlassen: Michel de Montaigne und Erasmus von Rotterdam.



